Was ist Naturheilkunde? Definition und Verfahren im Überblick
Ein Sammelbegriff für Verfahren, welche die Selbstheilungskräfte des Körpers anregen sollen – meist mit natürlichen Mitteln. Was dazugehört, woher der Begriff stammt und wie er sich von Komplementär- und Schulmedizin unterscheidet.

Der Begriff Naturheilkunde begegnet einem in Apotheke, Praxis und Drogerie – doch was genau steckt dahinter? Dieser Beitrag erklärt, wie Naturheilkunde definiert wird, aus welchen klassischen Bausteinen sie besteht, welche Verfahren dazugehören und worin sie sich von Komplementär- und Schulmedizin unterscheidet. Ein neutraler Überblick, ohne Heilversprechen.
Naturheilkunde – eine Definition
Naturheilkunde ist ein Sammelbegriff für Verfahren, welche die Selbstheilungskräfte des Körpers anregen sollen – bevorzugt mit Mitteln und Reizen, die in der Natur vorkommen. Dazu zählen etwa Wasser, Bewegung, eine angepasste Ernährung, Heilpflanzen sowie Licht, Luft und Wärme. Der Grundgedanke: Der Körper trägt eine eigene Ordnungs- und Regulationskraft in sich, und die Aufgabe der Behandlung besteht darin, diese Kraft zu unterstützen, statt sie zu ersetzen.
Charakteristisch ist der ganzheitliche Ansatz. Naturheilkundliche Denkweisen betrachten den Menschen als Einheit von Körper, Geist und Seele und richten den Blick auf die Lebensführung im Ganzen – auf Schlaf, Bewegung, Ernährung, Stress und Erholung. Nicht nur das einzelne Symptom steht im Vordergrund, sondern das innere Gleichgewicht. Wie sich dieser Anspruch zur wissenschaftlich orientierten Medizin verhält, beleuchten wir im Beitrag Naturheilkunde und Schulmedizin im Vergleich.
Die beiden Begriffe werden meist gleichbedeutend verwendet. „Naturheilkunde" bezeichnet eher das Fachgebiet als Ganzes, „Naturheilverfahren" die einzelnen Methoden darin – etwa eine Wasseranwendung oder eine Heilpflanzenkur.
Die fünf Säulen nach Kneipp
Als klassisches Fundament der Naturheilkunde gelten die fünf Säulen nach Sebastian Kneipp (1821–1897). Der Pfarrer und Naturheilkundige fasste seine Lehre in fünf Bereichen zusammen, die bis heute viele naturheilkundliche Anwendungen prägen. Sie sollen zusammenwirken und die Selbstheilungskräfte stärken:
- Hydrotherapie (Wasser): gezielte Temperaturreize durch Güsse, Wassertreten oder Wechselbäder, die Durchblutung und Reizverarbeitung anregen sollen.
- Bewegung: regelmässige, massvolle körperliche Aktivität als Teil eines gesunden Lebensrhythmus.
- Ernährung: eine einfache, möglichst naturbelassene und ausgewogene Kost.
- Phytotherapie (Heilpflanzen): die Anwendung von Kräutern und Pflanzen, innerlich wie äusserlich.
- Ordnungstherapie (Lebensordnung): die Balance von Geist und Seele, ein geregelter Lebensrhythmus und der bewusste Umgang mit Belastungen.
Die Phytotherapie ist dabei der Baustein mit der breitesten Brücke zur modernen Forschung. Was Heilpflanzenkunde heute umfasst, erläutern wir vertieft im Beitrag Phytotherapie und Pflanzenheilkunde.
Welche Naturheilverfahren gibt es?
Über die fünf klassischen Säulen hinaus wird eine ganze Reihe weiterer Methoden zur Naturheilkunde gezählt. Man unterscheidet grob zwischen den klassischen Verfahren und Methoden im erweiterten Sinn. Die folgende Übersicht ordnet die gebräuchlichsten ein – ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Aussage über die Wirksamkeit im Einzelfall.
| Verfahren | Grundidee |
|---|---|
| Hydrotherapie | Wasser- und Temperaturreize (Güsse, Bäder, Wickel) |
| Phytotherapie | Anwendung pflanzlicher Zubereitungen (Tees, Extrakte, Tinkturen) |
| Ernährungs- & Bewegungstherapie | Anpassung von Kost und körperlicher Aktivität |
| Ordnungstherapie | Lebensrhythmus, Stressregulation, Entspannung |
| Ab- & ausleitende Verfahren | Schröpfen, Blutegel, Wickel – traditionell zur „Ausleitung" |
| Weitere Methoden | Neuraltherapie, Schüssler-Salze, Spagyrik, Bachblüten |
Einen strukturierten Gesamtüberblick über diese Methoden – geordnet nach Ansatz und Anwendung – bietet der Beitrag Naturheilverfahren im Überblick. Wichtig ist: Die Einordnung als „Naturheilverfahren" sagt zunächst nichts über die wissenschaftliche Belegbarkeit aus – dazu weiter unten mehr.
Naturheilkunde, Komplementär- und Alternativmedizin
Die Begriffe werden im Alltag oft vermischt, meinen aber Unterschiedliches. Entscheidend ist weniger das einzelne Verfahren als die Art, wie es zur schulmedizinischen Behandlung steht:
- Naturheilkunde bezeichnet die konkreten naturbasierten Verfahren selbst.
- Komplementärmedizin ist der Oberbegriff für Methoden, die ergänzend zur schulmedizinischen Behandlung eingesetzt werden („komplementär" = ergänzend).
- Alternativmedizin meint den Einsatz anstelle der schulmedizinischen Behandlung – also als Ersatz.
Naturheilkundliche Verfahren lassen sich in aller Regel der Komplementärmedizin zuordnen: Sie können eine ärztliche Behandlung sinnvoll begleiten. Von einem vollständigen Verzicht auf schulmedizinische Abklärung bei ernsten Beschwerden rät die Fachwelt hingegen ab.
Naturheilkundliche Verfahren ersetzen keine medizinische Diagnose. Bei anhaltenden, unklaren oder schweren Beschwerden gehört die Abklärung in ärztliche Hände – idealerweise begleitet, nicht ersetzt, durch ergänzende Methoden.
Naturheilkunde in der Schweiz
In der Schweiz ist die Naturheilkunde vergleichsweise klar geregelt. Seit 2017 werden fünf ärztliche Komplementärmethoden unter bestimmten Bedingungen über die obligatorische Grundversicherung vergütet, sofern sie von entsprechend weitergebildeten Ärztinnen und Ärzten erbracht werden: anthroposophische Medizin, klassische Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin inklusive Akupunktur, Phytotherapie und Neuraltherapie. Grundlage ist die Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV).
Daneben existiert der Beruf der nichtärztlichen Fachperson: Die Höhere Fachprüfung führt zum eidgenössischen Diplom „Naturheilpraktiker/in" mit vier Fachrichtungen – Ayurveda-Medizin, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin und Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN). Deren Leistungen sind nicht Teil der Grundversicherung, werden aber häufig über Zusatzversicherungen abgedeckt. Voraussetzung ist meist eine Anerkennung über Register wie das Erfahrungsmedizinische Register (EMR) oder die Stiftung ASCA. Der rechtliche Rahmen für Heilmittel ist in der Schweiz das Heilmittelgesetz (HMG).
Einen Einstieg in das gesamte Themenfeld – von den Grundlagen bis zu den einzelnen Methoden – bietet unser Naturheilkunde-Ratgeber.
Wie gut ist die Wirkung belegt?
Eine pauschale Antwort auf die Frage „Wirkt Naturheilkunde?" gibt es nicht – und das ist der wichtigste Punkt für eine ehrliche Einordnung. Die wissenschaftliche Evidenz ist je nach Verfahren sehr unterschiedlich:
- Gut untersucht: Teile der Phytotherapie, Bewegungstherapie und Ernährungsmedizin überschneiden sich mit anerkannten Bereichen der Forschung und sind teils solide belegt.
- Uneinheitlich: Für manche Anwendungen liegen widersprüchliche Studien vor; hier hängt viel vom konkreten Einsatzgebiet ab.
- Umstritten oder nicht belegt: Für einige Verfahren fehlt ein Wirknachweis, der über einen Placebo-Effekt hinausgeht.
Seriöse Naturheilkunde beansprucht deshalb nicht, die wissenschaftliche Medizin zu ersetzen. Sie versteht sich als Ergänzung, die Lebensführung und Wohlbefinden in den Blick nimmt. Wer ein bestimmtes Verfahren erwägt, informiert sich am besten über die jeweilige Studienlage und bespricht die Anwendung – gerade bei bestehenden Erkrankungen, in der Schwangerschaft oder bei Kindern – mit einer fachkundigen Person.
Häufige Fragen
Was ist Naturheilkunde einfach erklärt?
Naturheilkunde ist ein Sammelbegriff für Verfahren, die die Selbstheilungskräfte des Körpers anregen sollen – meist mit natürlichen Mitteln und Reizen wie Wasser, Bewegung, Ernährung und Heilpflanzen. Ihr klassisches Fundament sind die fünf Säulen nach Sebastian Kneipp. Sie versteht den Menschen ganzheitlich als Einheit von Körper, Geist und Seele.
Welche Verfahren gehören zur Naturheilkunde?
Zu den klassischen Naturheilverfahren zählen die Hydrotherapie (Wasseranwendungen), Bewegungstherapie, Ernährungstherapie, Phytotherapie (Heilpflanzen) und die Ordnungstherapie. Im erweiterten Sinn werden auch ab- und ausleitende Verfahren wie Schröpfen, die Neuraltherapie sowie Methoden wie Schüssler-Salze oder Spagyrik dazugezählt. Die wissenschaftliche Belegbarkeit ist je Verfahren sehr unterschiedlich.
Was ist der Unterschied zwischen Naturheilkunde und Komplementärmedizin?
Naturheilkunde bezeichnet die konkreten naturbasierten Verfahren. Komplementärmedizin ist der Oberbegriff für Methoden, die ergänzend zur schulmedizinischen Behandlung eingesetzt werden. Alternativmedizin meint dagegen den Einsatz anstelle der Schulmedizin. In der Schweiz sind fünf ärztliche Komplementärmethoden über die Grundversicherung geregelt.
Was sind die fünf Säulen der Naturheilkunde nach Kneipp?
Die fünf Säulen nach Sebastian Kneipp sind: Hydrotherapie (Wasser), Bewegung, Ernährung, Phytotherapie (Heilpflanzen) und Ordnungstherapie (Lebensordnung). Sie gelten als klassisches Fundament der Naturheilkunde und sollen zusammen die Selbstheilungskräfte stärken und das innere Gleichgewicht fördern.
Wirkt Naturheilkunde wissenschaftlich?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Evidenz ist je nach Verfahren sehr unterschiedlich: Für Teile der Phytotherapie, Bewegungs- und Ernährungstherapie gibt es solide Untersuchungen, andere Methoden sind wissenschaftlich umstritten oder nicht belegt. Bei anhaltenden oder schweren Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung in jedem Fall ratsam.
Wer darf in der Schweiz Naturheilkunde ausüben?
In der Schweiz gibt es die Höhere Fachprüfung zum eidgenössischen Diplom Naturheilpraktiker/in mit vier Fachrichtungen: Ayurveda-Medizin, Homöopathie, Traditionelle Chinesische Medizin und Traditionelle Europäische Naturheilkunde. Zusätzlich behandeln Ärztinnen und Ärzte mit entsprechender Weiterbildung. Leistungen nichtärztlicher Therapeuten werden häufig über Zusatzversicherungen und Register wie EMR oder ASCA abgerechnet.
Quellen & Literatur
- Bundesamt für Gesundheit (BAG). Ärztliche Komplementärmedizin. Zu den fünf über die Grundversicherung geregelten Methoden. Abgerufen 2026.
- Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV), Anhang 1. Regelung der ärztlichen Komplementärmethoden in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung.
- OdA AM – Organisation der Arbeitswelt Alternativmedizin. Beruf Naturheilpraktiker/in mit eidgenössischem Diplom. Abgerufen 2026.
- Naturheilkunde. In: Wikipedia. Begriffsbestimmung und Überblick der Verfahren. Abgerufen 2026.

