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Ölziehen: Anleitung, welches Öl und wie oft es sinnvoll ist

Öl in den Mund, zehn Minuten hin und her – und dann? Diese Anleitung liefert die Zahlen, die oft fehlen: welches Öl, 10 bis 20 Minuten Ziehzeit, wie oft. Dazu ein ehrlicher Blick auf die Studienlage – und der praktische Hinweis, den fast niemand nennt: das Öl gehört nicht ins Waschbecken.

AH
Alpenheil-Redaktion
Aktualisiert am 15. Juni 2026 · 6 Min. Lesezeit
Ein Löffel festes Kokosöl neben einem Glas Wasser und einer Zahnbürste auf einem hellen Badezimmerregal
Ein Löffel Öl, ein Glas Wasser, danach putzen: mehr braucht es nicht · Aufnahme zur Illustration

Ölziehen ist ein altes Mundpflege-Ritual aus dem indischen Ayurveda: Man nimmt einen Löffel Speiseöl in den Mund und bewegt es zehn bis zwanzig Minuten lang zwischen den Zähnen, bevor man es ausspuckt. In den letzten Jahren wird es online oft als «Detox-Kur» für den ganzen Körper verkauft. Dieser Beitrag trennt das Ritual von dem Marketing: Welches Öl eignet sich, wie lange und wie oft ist es sinnvoll – und was sagen die Studien wirklich? Vorweg das Wichtigste: Ölziehen kann die Mundpflege begleiten, ersetzt aber weder Zähneputzen noch den Gang zum Zahnarzt.

Was bringt Ölziehen wirklich laut Studien?

Die Idee klingt einfach: Das Öl soll Bakterien und Beläge im Mund binden, die man anschliessend ausspuckt. Tatsächlich gibt es dazu einige kleine, kurze Studien. Sie deuten darauf hin, dass regelmässiges Ölziehen den Zahnbelag (Plaque) und Anzeichen einer beginnenden Zahnfleischentzündung etwas verringern und den Mundgeruch mindern kann. Eine systematische Übersicht der Universität Oxford wertete fünf randomisierte Studien aus und fand Hinweise auf einen solchen Nutzen – allerdings über sehr kurze Zeiträume von zehn bis fünfundvierzig Tagen und mit teils schwacher Berichtsqualität.

Eine grössere Meta-Analyse von 2023 mit rund 1200 Teilnehmenden ordnet das nüchterner ein: Für die Zahnfleischgesundheit zeigte sich ein wahrscheinlicher, klinisch bemerkbarer Vorteil, doch beim reinen Belag-Abbau blieb das Antiseptikum Chlorhexidin überlegen. Entscheidend ist der Schlusssatz der Autorinnen: Die Sicherheit dieser Belege ist sehr gering. Ölziehen ist also plausibel und risikoarm, aber es ist kein bewiesenes Heilmittel und schon gar keine «Entgiftung» innerer Organe – für die körperweite Detox-Behauptung fehlt jede seriöse Grundlage.

Einordnung: Was Ölziehen kann – und was nicht

Kann: als Ergänzung die Mundpflege unterstützen, Beläge etwas verringern, Mundgeruch mildern – bei sehr geringen Kosten und kaum Risiko. Kann nicht: Zähneputzen und Zahnseide ersetzen, Karies oder eine Parodontitis behandeln oder den Körper «entgiften». Die Grundlage bleibt: zweimal täglich mit fluoridhaltiger Zahnpasta putzen und regelmässig zur Kontrolle.

Welches Öl eignet sich zum Ölziehen?

Geeignet ist jedes kaltgepresste, native Speiseöl in Lebensmittelqualität – kein ätherisches Öl, kein Massage- oder Kosmetiköl. Am häufigsten genannt wird heute Kokosöl: Es schmeckt mild, wird bei Körpertemperatur schnell flüssig und enthält Laurinsäure, der im Labor eine keimhemmende Wirkung zugeschrieben wird. Das ayurvedische Original und der Klassiker der Studien ist jedoch Sesamöl. In einer direkten Vergleichsstudie schnitten Kokos- und Sesamöl bei der Hemmung des Belag-Nachwachsens praktisch gleich ab – die Wahl ist also vor allem eine Frage des Geschmacks.

Wichtiger als die Ölsorte ist, dass Sie den Geschmack über zehn Minuten aushalten. Wer ätherische Öle grundsätzlich mag, kennt das Prinzip «Anwendung muss angenehm bleiben» schon aus unserem Beitrag dazu, wie man ätherische Öle richtig anwendet. Beim Ölziehen gilt dasselbe: Ein Öl, das Ihnen widersteht, halten Sie ohnehin nicht durch.

ÖlGeschmack & EigenschaftGut zu wissen
KokosölMild, unter ca. 24 °C fest, im Mund rasch flüssigBeliebtester Einstieg; enthält Laurinsäure
SesamölKräftig, nussig, immer flüssigDas ayurvedische Original, in den meisten Studien verwendet
SonnenblumenölNeutral, günstigEbenfalls traditionell genutzt, unauffälliger Geschmack
OlivenölKräftig, leicht bitterMöglich, geschmacklich gewöhnungsbedürftig

Die Anleitung: Ölziehen in 5 Schritten

Sie brauchen: einen Esslöffel Speiseöl, ein Papiertaschentuch, ein Glas Wasser – und rund fünfzehn Minuten Ruhe, idealerweise morgens.

  1. Schritt 1 – Öl in den Mund nehmen: Einen Esslöffel (etwa 10–15 ml) Öl in den Mund geben. Ist Kokosöl noch fest, schmilzt es innert Sekunden von selbst. Für den Anfang genügt auch ein Teelöffel.
  2. Schritt 2 – Ziehen, nicht gurgeln: Das Öl langsam durch die Zähne saugen und im Mund hin und her bewegen. Nicht gurgeln und nicht in den Rachen ziehen – das reizt nur und erhöht die Gefahr, sich zu verschlucken.
  3. Schritt 3 – Zeit nehmen: 10 bis 20 Minuten weiterziehen. Nutzen Sie die Zeit nebenbei, etwa unter der Dusche oder beim Anziehen. Das Öl wird dabei dünnflüssig und milchig-weiss, weil es sich mit Speichel vermischt.
  4. Schritt 4 – Richtig ausspucken: Das Öl in ein Papiertuch spucken und in den Abfall werfen – nie ins Waschbecken oder die Toilette. Erkaltetes Öl lagert sich im Abfluss ab und kann mit der Zeit zu Verstopfungen führen. Geschluckt wird das Öl nicht, denn es hat nun Speisereste und Keime gebunden.
  5. Schritt 5 – Nachspülen und putzen: Den Mund gründlich mit warmem Wasser ausspülen und anschliessend wie gewohnt die Zähne mit fluoridhaltiger Zahnpasta putzen. Das Ölziehen kommt zusätzlich, nicht statt der Zahnbürste.
10–20 Min.
Ziehdauer pro Anwendung, die die Tradition nennt
1 EL
Öl pro Anwendung, am besten morgens nüchtern
sehr gering
Sicherheit der Studienbelege laut Meta-Analyse 2023

Wie oft und zu welcher Tageszeit?

Traditionell wird einmal täglich morgens nüchtern gezogen – direkt nach dem Aufstehen, vor dem ersten Schluck Kaffee oder Wasser. Die Begründung: Über Nacht sammeln sich Beläge, die man so gleich mit entfernt. Zwingend ist der nüchterne Morgen aber nicht; entscheidend ist die Regelmässigkeit über mehrere Wochen, nicht die perfekte Uhrzeit. Wer möchte, kann auch abends ziehen.

Zur oft gestellten Reihenfolge-Frage «morgens nüchtern oder nach dem Zähneputzen?»: Üblich ist erst ziehen, dann putzen. Da das Ölziehen das Putzen ohnehin nur ergänzt und nicht ersetzt, ist die Reihenfolge nachrangig – Hauptsache, geputzt wird. Einmal am Tag reicht völlig; häufiger bringt keinen belegten Zusatznutzen. Wer die Mundpflege gern ins Morgenritual einbaut, findet dafür Anregungen in unserer Übersicht der wichtigsten Hausmittel für die Hausapotheke.

Für wen Ölziehen ungeeignet ist

Ölziehen ist für gesunde Erwachsene risikoarm, aber nicht für jede und jeden gedacht. Kleine Kinder lassen Sie besser weg: Sie könnten das Öl schlucken oder – im ungünstigsten Fall – einatmen. Gerät Öl in die Lunge, kann es dort eine Reizung (eine sogenannte Lipidpneumonie) auslösen. Auch Menschen mit Schluckstörungen oder einem starken Würgereiz sollten verzichten. Und wer bereits Zahnschmerzen, blutendes oder geschwollenes Zahnfleisch hat, klärt die Ursache zuerst zahnärztlich ab, statt sie mit Öl zu überdecken.

Weil das Ölziehen den Mundraum betrifft, denken manche auch an das übrige Mikrobiom des Körpers. Das ist eine andere Baustelle: Wie sich etwa die Darmflora nach einer Antibiotika-Behandlung erholt, beschreiben wir separat in unserem realistischen Fahrplan für die Darmflora. Auch andere Spül- und Anwendungstechniken folgen eigenen Regeln – etwa die richtige Anwendung der Nasendusche bei verstopfter Nase.

Kein Ersatz fürs Zähneputzen – und Vorsicht beim Verschlucken

Ölziehen ergänzt die Mundpflege, ersetzt aber nie Zähneputzen, Zahnseide und die zahnärztliche Kontrolle. Bei anhaltenden Zahn- oder Zahnfleischbeschwerden gehört die Abklärung in die Praxis. Verschluckt ein Kind grössere Mengen Öl oder bekommt es nach dem Einatmen Atemnot, wählen Sie den Notruf 144.

Häufige Fragen

Welches Öl eignet sich zum Ölziehen?

Geeignet sind kaltgepresste, native Speiseöle in Lebensmittelqualität. Am beliebtesten ist Kokosöl, weil es mild schmeckt und im Mund rasch flüssig wird. In den meisten Studien wurde Sesamöl verwendet, das ayurvedische Original. Auch Sonnenblumen- oder Olivenöl sind möglich. Nehmen Sie ein Öl, dessen Geschmack Sie über zehn Minuten aushalten – das ist wichtiger als die Ölsorte selbst.

Wie lange soll man das Öl ziehen?

Die traditionelle Empfehlung liegt bei 10 bis 20 Minuten. In dieser Zeit wird das Öl langsam durch die Zähne gezogen und im Mund bewegt, ohne zu gurgeln. Wer neu einsteigt, beginnt mit fünf Minuten und steigert sich. Deutlich länger als 20 Minuten bringt keinen erkennbaren Zusatznutzen und ermüdet nur die Kaumuskulatur.

Morgens nüchtern oder nach dem Zähneputzen?

Traditionell wird morgens nüchtern gezogen, direkt nach dem Aufstehen und vor dem ersten Getränk. Das Ölziehen ersetzt aber das Zähneputzen nicht: Putzen Sie danach wie gewohnt mit fluoridhaltiger Zahnpasta. Die Reihenfolge – erst ziehen, dann putzen – ist üblich, aber nicht entscheidend.

Was bringt Ölziehen wirklich laut Studien?

Kleine Studien deuten darauf hin, dass Ölziehen den Zahnbelag und Anzeichen von Zahnfleischentzündung etwas verringern und Mundgeruch mindern kann. Eine Meta-Analyse von 2023 stufte die Sicherheit dieser Belege jedoch als sehr gering ein; Chlorhexidin blieb beim Plaque-Abbau überlegen. Ölziehen kann die tägliche Mundhygiene begleiten, ersetzt aber weder Zähneputzen noch die Kontrolle beim Zahnarzt.

Darf man das Öl schlucken?

Nein. Das Öl bindet während der Anwendung Speichel, Speisereste und Bakterien und wird deshalb ausgespuckt, nicht geschluckt. Spucken Sie es in ein Papiertuch und in den Abfall, nie ins Waschbecken – erkaltetes Öl kann den Abfluss verstopfen. Danach den Mund mit Wasser ausspülen.

Quellen & Literatur

  1. Gbinigie O, Onakpoya I, Spencer E, McCall MacBain M, Heneghan C. Effect of oil pulling in promoting oro dental hygiene: A systematic review of randomized clinical trials. Complementary Therapies in Medicine. 2016;26:47–54. Systematische Übersicht von fünf RCT: begrenzte Hinweise auf einen kurzfristigen Nutzen für die Mundhygiene. doi:10.1016/j.ctim.2016.02.011
  2. Jong FJX, Ooi DJ, Teoh SL. The effect of oil pulling in comparison with chlorhexidine and other mouthwash interventions in promoting oral health: A systematic review and meta-analysis. International Journal of Dental Hygiene. 2024;22(1):78–94. Meta-Analyse von 25 Studien: wahrscheinlicher Nutzen fürs Zahnfleisch, Chlorhexidin überlegen beim Plaque, Evidenz von sehr geringer Sicherheit. doi:10.1111/idh.12725
  3. Sezgin Y, Memis Ozgul B, Alptekin NO. Efficacy of oil pulling therapy with coconut oil on four-day supragingival plaque growth: A randomized crossover clinical trial. Complementary Therapies in Medicine. 2019;47:102193. Randomisierte Crossover-Studie: Kokosöl mit ähnlicher Plaque-Hemmung wie Chlorhexidin, aber weniger Zahnverfärbung. doi:10.1016/j.ctim.2019.102193

Angaben aus PubMed. Dieser Beitrag beschreibt eine überlieferte Mundpflege-Anwendung und ersetzt keine zahnärztliche Beratung.